tage neuer musik graz 2014

 

Großer Minoritensaal, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz
Kulturzentrum bei den Minoriten, ImCubus, Mariahilferplatz 3/I, 8020 Graz

 

Die neugegründeten tage neuer musik graz werden von der Konzertreihe die andere saite, dem Ensemble Zeitfluss, der IGNM Steiermark, dem Kulturzentrum bei den Minoriten – Neue Musik sowie open music getragen.

Unter dem Motto „... von zeit zu zeit ...“ wird eine Annäherung an das große Thema Zeit gewagt. So wurden Werke von Komponistinnen und Komponisten ausgewählt, die mit besonderem Bewusstsein mit der „musikalischen Zeit“ umgehen.

Äußerst spannende und durchaus auch kontroversielle Positionen werden auf höchstem interpretatorischem Niveau dargeboten und erlauben ein Er- und Durchleben verschiedenster „musikalischer Zeitverläufe“.

Musik gilt als „Zeitkunst“ par excellence, kaum ein Aspekt an ihr, der nicht in irgendeiner Weise Zeit oder Zeitlichkeit beinhaltet. Werke werden komponiert, und die Art, in der sie geschrieben werden, beeinflusst beispielsweise bei einer Aufführung auf direktem Wege das Zeitempfinden und die Zeitwahrnehmung des hörenden Publikums. Man könnte auch sagen, Musik sei ästhetisch „gestaltete“ Zeit. Oder eine wandelbare Architektur der Zeit, die durch jede Aufführung neu (und anders!) entsteht und erlebt wird.

 

Die fünf veranstaltenden Organisationen engagieren sich bereits seit vielen Jahren für die Verbreitung Neuer Musik in Graz. Jede von ihnen verfügt über ein eigenes Profil und zieht ein bestimmtes Publikum an; mit tage neuer musik graz, die erstmals vom 23. bis 25. Mai 2014 stattfinden und im Zweijahresrhythmus geplant sind, sollen die in Graz vorhandenen Potentiale für Neue Musik zusammengeführt werden.

 

Programm

 

Eröffnungsansprache: Florian Geßler
Freitag, 23. Mai 2014, 19:15 
Foyer, Großer Minoritensaal | Mariahilferplatz 3, 8020 Graz

die andere saite
Freitag, 23. Mai 2014, 20:00
Großer Minoritensaal | Mariahilferplatz 3, 8020 Graz

Annette Bik: Violine
Sophie Schafleitner: Violine
Dimitrios Polisoidis: Viola
Andreas Lindenbaum: Violoncello
Olivier Vivares: Klarinette
Janna Polyzoides: Klavier

Bernhard Lang: Necronomicon 9458 für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier (1986)
Peter Lackner: Kanon für Streichquartett. 18. Mai 1993 (1993)
Dimitri Papageorgiou: Nuit für Klarinette, Viola und Klavier (1999)
Gerd Kühr: Con Sordino für zwei Violinen, Viola und Violoncello (1995/96)
Florian Geßler: Die Dinge des Lebens für Klavierquartett (2010)
Ernst Christian Rinner: Wandauer Zwölfer für variable Besetzung (1986)
Klaus Lang: bonsai. für Viola und Klavier (2005)

Seit über 28 Jahren bietet die Konzertreihe die andere saite KomponistInnen eine Plattform, die ihnen der „normale“ Musikbetrieb nicht, oder nur sehr eingeschränkt und selten bieten kann: ein Konzert von A bis Z gestalten zu können. Dieser konzeptuelle Aspekt ermöglicht ein selten vorzufindendes Umfeld für außergewöhnliche kompositorische Ansätze. In den rund 100 Konzerten standen, bis auf einzelne Ausnahmen, ausschließlich Uraufführungen auf dem Programm. Für den Zuhörer eine Einladung dem Neuen, Unerwarteten und – nicht selten – dem Unbekannten zu begegnen.

Umso spannender war die Herausforderung ein Konzert zu gestalten, bei dem keine einzige Uraufführung auf dem Programm steht. Dieses Programm ist aber kein best of, auch kein historischer Rück- bzw. Überblick. Es ist nicht einmal repräsentativ. Das könnte es, angesichts der Anzahl der Werke, gar nicht sein. Ich verstehe dieses Programm als eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit sich aus vielen, oft sehr unterschiedlichen Perspektiven, dem thematischen Schwerpunkt dieser tage neuer musik graz auf höchstem kompositorischen Niveau zu nähern.

Im Mittelpunkt des Eröffnungsabends stehen Werke, die zwar nicht die einzigen, aber äußerst spannende kompositorische Auseinandersetzungen mit der Gestaltung der musikalischen Zeit zwischen Klein- und Großform darstellen. Möglichkeiten, die vielleicht den Weg zu Neuem eröffnen. (Orestis Toufektsis)

Diskussionsrunde I mit KomponistInnen
Samstag, 24. Mai 2014, 15:00
ImCubus | Mariahilferplatz 3/I, 8020 Graz

open music - ensemble]h[iatus
Samstag, 24. Mai 2014, 18:00

Großer Minoritensaal | Mariahilferplatz 3, 8020 Graz

 

Tiziana Bertoncini: Violine

Martine Altenburger: Violonccello
Thomas Lehn: Klavier, Analogsynthesizer
Lê Quan Ninh: Perkussion

 

Earle Brown: Four Systems für verschiendene Instrumente (1954)
Earle Brown: Folio für verschiedene Instrumente (1952/1953, Auswahl)
Christian Wolff: Or 4 People für beliebige Instrumente (1994)
sowie Improvisationen



Earle Brown zählt gemeinsam mit Cage, Feldman, Tudor und Wolff zu einer der führenden Figuren der „New York School“. Ausgangspunkt für das Komponieren war ihm die Auseinandersetzung mit den einzelnen Dimensionen von Tönen wie auch mit der Unendlichkeit an gegebenen Möglichkeiten, den unendlich oft teilbaren Klangkontinua, denen der Komponist erst Strukturen abgewinnt, sie hörbar macht. „Multiple characteristic realization“ ist so auch eine entscheidende Formulierung in Browns Vorwort zu Folio. Die einzelnen Blätter des Stückes tragen Titel nach Monatsnamen und Jahreszahlen (October 1952 - June 1953), die gleichzeitig auch auf ihr Entstehungsdatum hinweisen. Wie mit Four Systems (1954) erprobte Brown hierbei eine graphische Notationweise basaler musikalischer Relationen, die er mit der Spontaneität und dem Prinzip des gemeinsamen Musizierens, das er als Jazzmusiker kennengelernt hatte, in Beziehung zu setzen versuchte.

Auch Christian Wolffs Musik – er war selbst nicht nur als Komponist, sondern ebenso als Interpret und Improvisator aktiv (u. a. mit Steve Lacey, Keith Rowe, William Winant, Kui Dong, Larry Polansky und der legendären Formation AMM) – ist durch Freiheiten bzw. Nichtdeterminiertheit in der Komposition, durch Selbstbestimmtheit der Performer und Variabilitäten in der Interpretation geprägt. Dies machte neue Notationsformen notwendig („open scores“), die wiederum eine radikale Interpretation der Ausführenden einfordern. Eng verknüpft mit diesem kompositorischen Ansatz ist so auch die Frage, ob die Komposition (zumal sie ja durch jede Aufführung erneut entsteht) eigentlich nur, quasi der Aktualität in der Umsetzung, der Zeit enthoben, für sich oder aber gerade erst durch die Performances zu ihrer Existenz gelangt. 

Weitergeführt leitet dies auch über zu angrenzenden Fragestellungen im „weiten Land“ der Improvisation, die da ebenso zwischen ihrer Existenz nur zu einem ganz spezifischen Zeitpunkt, nämlich dem ihrer konkreten Realisation (dies auch im Sinne des oft geäußerten Postulats des immerzu Neuen und Einmaligen) und einer Einbettung in bereits bestehende Konzepte, Fertigkeiten, Idiome … angesiedelt ist.

open music nimmt also das Thema … von zeit zu zeit … in vielerlei Hinsicht auf: Mit Kompositionsansätzen, die u.a. mit der Thematisierung von Eigenverantwortlichkeit der InterpretInnen und Demokratisierungsprozessen klar einen auch (gesellschafts-)politischen Anspruch (und damit aus heutiger Sicht gesprochen die längst verloren gegangene Utopie einer neuen Gesellschaft) in sich trugen, mit Komposition, die sich (erst) in der konkreten Realisation ereignet, mit Musik, die ausschließlich im Moment gedacht wird …

Mit dem ensemble]h[iatus, mit Tiziana Bertoncini, Martine Altenburger, Thomas Lehn und Lê Quan Ninh – allesamt seit vielen Jahren als Improvisatoren international renommiert und auch als Interpreten zeitgenössischer Musik höchst erfahren – sind MusikerInnen (in dieser Konstellation übrigens in Graz erstmals) zu Gast, die prädestiniert sind für eine exzellente im Sinne der Sache und der Komponisten stehende Umsetzung und die Wolff und Brown auch in ihren Improvisationen in der Gegenwart weiterzudenken vermögen. 

Frei nach John Cage (er sagte dies übrigens über die Musik von Christian Wolff) könnte man sagen: “One of the most useful things that could happen for the musical life now is a concert that would let people experience this.” (Ute Pinter)

 

IGNM Steiermark - Mitglieder des Österreichischen Ensembles für Neue Musik

Samstag, 24. Mai 2014, 20:00
Großer Minoritensaal | Mariahilferplatz 3, 8020 Graz

 

Mathias Spahlinger: presentimientos. Variationen für Streichtrio und Tonband (1993)

Mathias Spahlinger: adieu m'amour. Hommage à Guillaume Dufay für Violine und Violoncello (1983)
Mathias Spahlinger: 128 erfüllte augenblicke, systematisch geordnet, variabel zu spielen für Stimme, Klarinette und Violoncello (1975)

 

Die IGNM-Sektion Steiermark möchte im Rahmen der tage neuer musik graz mit drei Werken von Mathias Spahlinger einen Künstler vorstellen, der wie kaum ein zweiter für radikal selbstreflexives Komponieren und damit für die ästhetische Moderne im emphatischen Sinne steht. Der Titel des Konzertes „gegen unendlich“ greift dabei einen zentralen Gedanken des Komponisten auf, der in seiner Musik wie auch in Texten und Vorträgen immer wieder deutlich macht, dass mit dem Ende der Tonalität auch die traditionellen musikalischen Formen gegenstandslos geworden sind und damit alle Bestimmungen, die dem Hörer einmal Orientierung ermöglicht haben: Eröffnen/Schließen, Ähnlichkeit/Kontrast, Steigerung/Abbau etc. In einer Situation hingegen, wo das musikalische Material grundsätzlich in  „unendlich viele“ Richtungen entwickelbar ist, ist die musikalische Zeit prinzipiell richtungslos, gibt es keine qualitativen Anfänge und Schlüsse mehr und ebensowenig irgendwelche qualitativen Kontraste, sondern nur noch Grade von Ähnlichkeit.

Wie in diesem Zustand, in dem das, was ästhetische Zeitgestaltung, d.h. musikalische Form zu einem grundsätzlichen Problem geworden ist, diese dennoch möglich ist, hat Spahlinger in seinen Kompositionen immer wieder neue und originelle Lösungen vorgeschlagen. Im Konzert werden drei sehr unterschiedliche Werke aus drei Jahrzehnten vorgestellt: 128 erfüllte augenblicke, systematisch geordnet, variabel zu spielen für Stimme, Klarinette und Violoncello (1975) sind dabei einem Konzept „offener Form“ verpflichtet: jeder „Augenblick“ repräsentiert einen Moment in einem konzeptionell streng geordneten Kontinuum, aber sie werden in jeder Aufführung in beliebiger Anzahl und Reihenfolge gespielt. Rigide Ordnung schlägt, kompositorisch betrachtet, um in ihr eigenes Gegenteil, Freiheit – während für den Hörer sich die hintergründig Zusammenhang stiftende Ordnung des Ganzen nur an den immer wechselnden Versionen des Stückes erahnen läßt. adieu m´amour für Violine und Violoncello (1983) ist eine Hommage an eine, wie Spahlinger schreibt, „geliebte tradition, an die wir nicht heranreichen, die sich dem besitzerischen zugriff entzieht, sich nicht rekonstruieren läßt“; ein Chanson von Guillaume Dufay wird mit höchst höchst sensiblen, schwierig zu kontrollierenden Spieltechniken vorgetragen, die es mit sich bringen, dass sich die musikalischen Einzelereignisse aus ihrem übergeordneten Zusammenhang lösen und womöglich andere Zusammenhange sich herstellen als die kompositorisch vorgezeichneten. Auch im Streichtrio presentimientos von 1993 zitiert Spahlinger einen anderen Komponisten herbei: Arnold Schönberg. Spahlingers Werk besteht aus Variationen über verschiedene Stellen aus Werken Schönbergs – Variationen in Form von Miniaturen, die zwar in den definitiven Zusammenhang eines Werks und damit eines linear-zeitlichen Verlaufs gebracht werden, der aber keine finalistisch „gerichtete“ Form ergibt; da die einzelnen Teilmomente von sehr heterogenem Charakter sind und in sich vorwiegend Zustände von Statik vorführen, unterlaufen sie das, was die „Geschlossenheit“ eines Werkes definieren könnte. (Clemens Nachtmann)

Es spielen Mitglieder des oenm (Österreichisches Ensemble für Neue Musik). Das 1975 von Klaus Ager und Ferenc Tornai in Salzburg gegründete Ensemble widmete sich bisher bei zahlreichen Festivals und mit über 300 Uraufführungen der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Diskussionsrunde II mit KomponistInnen
Sonntag, 25. Mai 2014, 15:00
ImCubus | Mariahilferplatz 3/I, 8020 Graz

Ensemble Zeitfluss
Sonntag, 25. Mai 2014, 18:00
Großer Minoritensaal | Mariahilferplatz 3, 8020 Graz

Edo Micic: Dirigent
Clemens Frühstück: Saxophon
Salvatore Sciarrino: Introduzione all'oscuro (1981)
Joanna Wozny: Return für Tenorsaxophon und Kammerensemble (2006/09)
Daniel Oliver Moser: 1. Blumenstück (2013)
Orestis Toufektsis: EpiTria für Ensemble (2003)
Bruno Strobl: t.o.p. (2002)
Kiawash Saheb Nassagh: Dyslexia (2014, UA)

Zeitfenster, fließend.

Eines der rätselhaftesten Phänomene in der Musik ist nach wie vor die Art und Weise, wie Zeit in Klang umgesetzt wird: äußerlich gemessen, strukturiert, innerlich fließend, endlos stehend, zerrissen, kugelhaft, flächig, wissenschaftlich, mystisch, verspielt... Mit ihren Musikwerken haben in diesem Konzert sechs Komponisten Zeitfenster aufgetan, die jedes für sich, aber auch gemeinsam als buntes Spektrum, einen Blick in verschiedene geografische, kulturelle, historische, kreative und rationale Zeit-Räume ermöglichen.
Mehr als 30 Jahre alt (und damit für die Neue Musik fast schon „historisch“ zu nennen) ist die Komposition Salvatore Sciarrinos, die mit dem Titel „introduzione all´oscuro“ - Einleitung in das Dunkel – auch schon wörtlich einen (un)heimlichen Zeitverlauf andeutet. Der kreative Zeit-Raum des Komponierens als inspiriertem Moment, Prozess oder Erleuchtung wird von Joanna Wozny und Daniel Moser erkundet. Rationaler Zeitgestaltung dagegen haben sich die beiden Komponisten Bruno Strobl und Orestis Toufektsis verschrieben. Einen Blick in die Zeiterfahrung einer anderen Kultur eröffnet Kiawash Sahebnassagh mit seinem Werk „Dyslexia“. In der Zusammenschau des Programms ergibt sich en miniature ein Panorama Neuer Musik in Österreich – einer Musikszene, die geprägt ist von kultureller, stilistischer und ästhetischer Vielfalt.
Das Ensemble Zeitfluss hat es sich seit 10 Jahren zur Aufgabe gemacht, getreu seines Namens mit und gegen den Fluss der Zeit zu arbeiten. Im Repertoire des Klangkörpers finden sich sowohl Neukompositionen als auch „Klassiker“ der Moderne. Über die Jahre zahlreiche Verbindungen zu österreichischen KomponistInnen entstanden, aber auch über den lokalen und nationalen Raum hinaus bis zum Balkan, nach Italien, sowie nach Nordeuropa.

Kulturzentrum bei den Minoriten - Neue Musik
Sonntag, 25. Mai 2014, 20:00
Großer Minoritensaal | Mariahilferplatz 3, 8020 Graz


Sylvie Lacroix: Flöte, Bassflöte
Lukas Schiske: Schlagwerk
Kaori Nishii: Klavier, Celesta

Morton Feldman: Crippled Symmetry (1983)

Morton Feldmans phänomenale und richtungweisende Komposition Crippled Symmetry von 1983 im Rahmen eines Konzertwochenendes, dessen Thema die Auseinandersetzung mit Zeitgestaltung in der Neuen Musik ist: Geschrieben für seine „Lieblingsbesetzung“ mit der (sehr) heterogenen Zusammenstellung von Flöte (Bassflöte), Schlagwerk (Glockenspiel und Vibraphon) sowie Klavier (Celesta), einer Besetzung von der er auch sagt, er habe damit eine ganz neue instrumentale Form, vergleichbar mit dem Streichquartett Joseph Haydns, erfunden, trägt das Werk den Titel eines Aufsatzes, den Feldman 1981 verfasste. Darin benennt er kompositionstechnische Anstöße, die er durch seine Beschäftigung mit orientalischen Teppichen empfangen hat. Abrash, die mikrochromatisch strukturierte  Ausdehnung eines Farbtons über einen gesamten Teppich, ist u.a. eine Technik, die ihn sehr stark beeindruckte. Dass ihm der Schluss der Komposition besonders gelungen sei, bemerkte Feldman an verschiedenen Stellen und in der Tat steht diese Form von „Schlussbildung“ in Feldmans Werk – und wahrscheinlich auch darüber hinaus – einzigartig da.
Für eine Aufführung dieses Meilensteins der Neuen Musik im großen Minoritensaal konnten wir Sylvie Lacroix, Lukas Schiske und Kaori Nishii gewinnen. (Florian Geßler)